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„In der Corona-Pandemie habe ich neues Entwicklungspotenzial ausgeschöpft“

 

Keine Romreisen, dafür mehr Relaxen zuhause, kochen und twittern: Auch für Cardinale in pectore und Journalistin Elke Göß war die Zeit der Corona-Pandemie, die nun zu Ende zu gehen scheint, ungewöhnlich und manchmal erstaunlich frei. Sie liebt die Ruhe und die Liebe zu den Päpsten und dem Vatikan schenkt ihr viel Kraft.

 

Alte Leidenschaften haben sich bei Elke Göß in der Corona-Pandemie bewährt: Kochen, arbeiten, Mode, Detox und ein minimalistischer Lebensstil. Neue Leidenschaften kamen hinzu: Putzen, neue Online-Projekte und die US-Fernsehserie „Psych“. Und jeden Tag verfolgt sie die News über Corona im Fernsehen und aktuell über den drohenden Krieg in der Ukraine: „Man muss immer gut informiert sein.“ Die Aufenthalte in Rom fehlen ihr. Umso glücklicher ist sie, wenn es wieder losgeht.

 

Lib & In: Sie waren schon öfters in Italien. Haben Sie das Land gut kennengelernt?

Elke Göß: Ich fahre seit 25 Jahren nach Italien und seit 17 Jahren nach Rom. Italien und besonders den Mezzogiorno liebe ich sehr. Immer wieder bekomme ich Komplimente, dass ich mich sehr gut in Italien auskenne. Wenn ich länger nicht im Land war, ist mein Denken und Sprechen anfangs deutsch geprägt. Das vergeht schnell wieder. In Italien habe ich nie länger gelebt. Nach Italien zu reisen ist wie nach Hause zu kommen.

 

Lib & In: Werden Sie rund um die Romreise anlässlich des 95. Geburtstags von Papst em. Benedikt XVI. an Ostern etwas Freizeit haben?

Elke Göß: Ich hoffe, dass ich auch dieses Jahr an Ostern wieder nach Rom fahren kann. In den vergangenen zwei Jahren war dies wegen Corona nicht möglich. Schön ist es, mit römisch-katholischen Geistlichen im Petersdom und auf dem Petersplatz gemeinsam Messe zu feiern. Außerhalb dieser Zeiten genieße ich die Freizeit in Rom und in der Umgebung.

 

Lib & In: Sie fliegen sehr häufig nach Rom. Demnächst wollen sie andere Reiseziele anstreben. Sind Romreisen anstrengend?

Elke Göß: Nein, weil ich alles perfekt organisiere. Das einzige, was anstrengend sein kann, ist das Kofferschleppen. Ich mache alles alleine. Den Koffer die Stufen im Bahnhof hochtragen und den Koffer die Stufen im Bahnhof heruntertragen. Am Ende weiss man nicht mehr, warum man nicht das Taxi genommen hat.

Ansonsten sind meine Tage in Rom sehr ruhig: Ich wohne in Zimmern im typisch italienischen Stil, frühstücke italienisch oder amerikanisch, esse gern zu Mittag, bin unterwegs und lasse den Abend genüsslich ausklingen.

 

Lib & In: Haben Sie von Italienreisen nie genug?

Elke Göß: Ich fahre seit 25 Jahren fast ausschließlich nach Italien. In den vergangenen 17 Jahren, die ich regelmäßig nach Rom fahre, habe ich über ein Jahr zusammengenommen dort verbracht. In einem Jahr war ich einmal, alle Aufenthalte zusammengenommen, ein Vierteljahr in Rom. Ich verbringe jeden Urlaub in Rom seit 17 Jahren und habe für diese Aufenthalte den gesamten Inhalt meiner Urlaubskasse investiert. In Rom kann ich Arbeiten und Urlaub machen miteinander verbinden. In Italien kann ich meine Leidenschaft für den römischen Katholizismus voll ausleben. Es war immer mein Traum, zur größten Kirche der Welt zu gehören. Nun darf ich mich seit 17 Jahren mit deren Spitze beschäftigen.

Inzwischen kann ich mir Reisen nach Nordamerika, Südamerika, Australien, Neuseeland, Afrika und Nordeuropa gut vorstellen. Die Nordlichter möchte ich einmal gerne live erleben und vielleicht in den USA Nationalparks und Städte besichtigen. Derzeit erstelle ich eine Wunschliste für Urlaubsziele. Konkrete Planungen gibt es noch nicht 

 

Lib & In: Dann hat Ihnen Italien zuletzt gefehlt?

Elke Göß: Zum Glück bin ich zuhause immer sehr glücklich. Ich habe neue Leidenschaften entwickelt: Putzen, neue Online-Projekte und die US-Fernsehserie „Psych“. An die Menschen in Rom, im Vatikan und die beiden Päpste Papst em. Benedikt XVI. und Papst Franziskus konnte ich in den vergangenen zwei Jahren nur aus der Ferne denken.

 

Lib & In: Sie sind seit 2010 Cardinale in pectore und seit 2013 Journalistin. Hatten Sie in Corona-Zeiten Existenzängste?

Elke Göß: Zum Glück nicht, da ich mich jeden Tag im Fernsehen mit den neuesten Informationen über Corona versorgt habe. Ich habe mich an die Regelungen der Regierung gehalten, während der Lockdowns bin ich zuhause geblieben und ich habe mich so bald als möglich zur Impfung angemeldet.

Ich fand die Lockdowns sogar ganz spannend. Ich arbeite seit Jahren im Homeoffice. Leben und arbeiten finden seit 2010 bzw. seit 2013 für mich zuhause statt. Nun musste die ganze Welt zuhause bleiben. Ich war es gewohnt, zuhause zu sein. Mir machten die Lockdowns nichts aus. Nun befand sich die ganze Welt im Lockdown. Mir gefiel dieses Gefühl und dieser Gedanke, dass sich alle einschränken müssen und auf unbestimmte Zeit bei sich zuhause bleiben müssen. Mir ging es dabei sehr gut.

Zuhause habe ich das Putzen entdeckt. In der Zeit, als man noch nicht viel über das Sars-CoV-2-Virus wusste, habe ich mich sehr viel sicherer gefühlt, wenn ich alles desinfiziert und geputzt hatte. Ich habe noch nie so viel in meinem Leben geputzt. Erst im dritten Lockdown bekam ich das Gefühl, es müsste nun weitergehen.

Ich habe selbstverständlich in der Corona-Pandemie um hochbetagte und kranke Verwandte gebangt. Leider ist mit Domkapellmeister i.R. Apostolischer Protonotar Prof. em. Dr. hc Georg Ratzinger ein Verwandter an Corona ein halbes Jahr nach Beginn der Pandemie am 1. Juli 2020 verstorben. Er fehlt mir sehr. Ich denke oft an ihn. Andererseits freue ich mich, dass sein Bruder Papst em. Benedikt XVI. lebt und bald 95 Jahre alt wird.

 

Lib & In: Hat die Corona-Pandemie Neues gebracht für Ihre Arbeit? Gab es Innovationen?

Elke Göß: Im Jahr 2020 hatte ich geplant, mich mit der PR eines großen Weltstars zu beschäftigen. Ich wollte ihn bei mehreren seiner Auftritte begleiten und seine eigene Darstellung, die Darstellung seiner Arbeit, die Darstellung seiner Herkunft und seines Werdegangs und die Darstellung seiner Umgebung teilnehmend beobachten. Daraus ist leider wegen Corona nichts geworden. Die sozialwissenschaftlich erprobte Methode der „Teilnehmenden Beobachtung“ habe ich bereits erfolgreich zwischen 2004 und 2010 in der römisch-katholischen Kirche praktiziert. Es handelt sich bei meinem neuen „Objekt“ um einen Weltstar, der sich und seine Arbeit ausschließlich nach weltlichen Kriterien bemisst. Dafür hatte ich das ganze Jahr 2020 eingeplant. Dann wurde der erste Coronafall am 27. Januar 2020 in Bayern festgestellt. Ich konnte das „Objekt“ meiner „Teilnehmenden Beobachtung“ noch bis März 2020 begleiten. Dann griffen die staatlichen Maßnahmen der Corona-Restriktionen und ich musste leider umplanen. In den vergangenen zwei Jahren habe ich das Thema zumeist online bearbeitet.

2020 war ein Jubiläumsjahr für mich mit zehn kirchlichen Jubiläen. Erstmals habe ich dafür ein „Erinnerungsbild“, wie es in der römisch-katholischen Kirche üblich ist, mit wahlweise drei verschiedenen Fotos entworfen und publiziert. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich diese Jubiläen gefeiert habe. Die beiden Ratzinger-Brüder sind dafür bekannt, dass sie jedes Jubiläum freudig begehen. Ab jetzt sind sie hier ein Vorbild für mich. Es war ein sehr rührendes Gefühl, so viele Jubiläen feiern zu können. Ich habe jeden Tag dieser Jubiläen besonders begangen und ich habe einen ganz neuen Bezug zu meiner eigenen Lebensgeschichte bekommen. Am Ende des Jahres, des ersten Corona-Pandemiejahres, war ich ganz stolz auf mich, obwohl das Jahr angefüllt war mit Lockdowns und zuhause bleiben.

Die Corona-Pandemie habe ich genutzt, um neue berufliche Fähigkeiten auszuprobieren. Ich habe den ersten ökumenischen Adventskalender im Dezember 2020 online publiziert. Sicher wurde noch nie ein „ökumenischer Adventskalender“ online kostenlos lesbar präsentiert. Es war ein ökumenisch gewagtes Projekt, da auch die Glaubenskongregation in Rom und Papst em. Benedikt XVI. als ehemaliger Präfekt der Glaubenskongregation einen Internetzugang besitzen. Bei der Gestaltung des ökumenischen Adventskalenders habe ich das Fotoportrait als Stilmittel für mich entdeckt.

2021 habe ich zwei neue Internetseiten ins Leben gerufen. Mein Projekt der „Eucharistischen Ökumene“ ist publizistisch fast ausgeschöpft. Die Frage entstand, wie es ökumenisch in der römisch-katholischen Kirche weitergehen könnte. Wird es eines Tages eine Päpstin geben? Wie müsste sich die römisch-katholische Kirche verändern, damit Frauen in ihr gleichberechtigt sind, damit sie den Herausforderungen der Moderne standhält und damit sie mega-attraktiv wird und Ausgetretene zurückgewinnt. Ich mag es, wenn Kirchen voll sind und ich kann leere Kirchenbänke während der Gottesdienste nicht leiden. Es gibt viele unbeantwortete Fragen in diesem Bereich und fast noch mehr bisher nicht bearbeitete Themen. Deshalb habe ich die Internetseite „Pro Popess“ (www.popess.info) gegründet, die als Erste meiner Internetseiten in englischer Sprache erscheint. Ich habe schon Artikel gepostet. Die zweite Internetseite heißt „Sophia Modern“ und soll eine theologische programmatische Informationsseite werden zu der Frage, wie man sich eine moderne römisch-katholische Kirche ideengeschichtlich, methodisch und systematisch vorstellen kann. Auch sie soll in englischer Sprache erscheinen. Das ist viel Arbeit, fast schon zu viel für eine Person. Derzeit habe ich sechs Internetseiten.

Twittern hat mir viel Spaß gemacht in den vergangenen zwei Jahren der Corona-Pandemie. Man hat das Gefühl, man ist mit der Welt verbunden, obwohl man nur zuhause sitzt. Ich habe erstmals selbstgemachte Witze auf Twitter veröffentlicht. Das fand ich mutig. Schon als Kind und Jugendliche habe ich Witze selbst gemacht. In den vergangenen 18 Jahren, seit ich mich mit der römisch-katholischen Kirche beschäftige, wurde ich immer wieder verbal und physisch zum Teil schwer angegriffen. Nun kann ich zeigen, dass ich lustig sein kann. Die Menschen, die meine Wortbeiträge lesen, lernen nun eine andere Seite von mir kennen. Vielleicht trägt das dazu bei, erstarrte Aggressionen gegen meine ökumenischen Bestrebungen und Neuerungen zu lockern. Vorbild war für mich dabei Papst Franziskus, der als Papst seine humorvolle Seite zeigt.

Dazu passt, dass ich ein Fan der US-Fernsehserie „Psych“ geworden bin, die zwischen 2006 und 2014 gedreht wurde. Ich habe die Staffel nun bereits drei Mal gesehen und kann immer noch neu Gags entdecken. Shawn Spencer und Burton Guster sind täglich bei mir zu Gast. Eine tägliche Portion Humor kann nicht schaden in der Corona-Pandemie. Obwohl der neue Bundesgesundheitsminister Dr. Karl Lauterbach dies noch nicht bestätigt hat, glaube ich ganz fest, dass ich nur wegen dieser täglichen Portion Humor vor Corona geschützt wurde (@AfD).

Im Jahr 2021 habe ich das 16:8-Fasten für mich entdeckt. Im November 2020 habe ich damit begonnen und an Pfingsten 2021 aufgehört. Im Herbst habe ich dann nochmal für einen Monat gefastet. Wer will in der Corona-Pandemie und ständigem Zuhause-Sein wegen Lockdowns schon endlos zunehmen? Die Idee der salzlosen bzw. salzreduzierten Kost wird vielleicht mein nächstes Projekt. 2020 war ein Jubiläumsjahr, 2021 ein Fastenjahr.

Im Jahr 2021 bin ich das ganze Jahr mit der Sonne aufgestanden. Erstmals in meinem Leben bin ich zwei Monate lang morgens um 5 Uhr aufgestanden. Es war magisch, jeden Tag vor oder mit der Sonne aufzustehen und absolut geeignet, um jeden Corona-Frust zu vertreiben. Dieser Zeitenwechsel hat meinen gesamten Organismus erfasst. Ich weiss, dass Joseph Ratzinger alias Papst em. Benedikt XVI. ein Frühaufsteher ist. Manchmal trennten uns vier Stunden bei der Frage, wann morgens der Tag beginnt. Dass es mir das erste Mal in meinem Leben geglückt ist, in den Sommermonaten um 5 Uhr aufzustehen und das regelmäßig zu praktizieren, war wie ein Wunder für mich. Ich habe bemerkt, dass noch viel Luft nach oben ist bei der eigenen Lebensgestaltung.

Eigentlich hätte ich in den vergangenen zwei Jahren an der Fertigstellung meiner angekündigten ebooks  arbeiten sollen. Doch alles Neue ist immer interessanter für mich und so habe ich neue Fähigkeiten während der Corona-Pandemie entwickelt. In der Corona-Pandemie habe ich neues Entwicklungspotenzial ausgeschöpft. Die Corona-Pandemie hat meine Existenz ansonsten nicht wesentlich verändert.

 

Lib & In: Haben Sie zuhause viel gearbeitet?

Elke Göß: Ich arbeite fast immer sechs Tage pro Woche. Seitdem ich freiberuflich als Journalistin im Homeoffice und auf Reisen arbeite, gelingt mir die Work-Life-Balance viel besser. Die neuesten Nachrichten gehören für mich täglich dazu. Man muss dranbleiben, sonst entstehen Lücken in der medialen Wahrnehmung. Aber eine mediale Dauerberieselung habe ich schon vor Jahren abgestellt. Seit einigen Jahren praktiziere ich während der Fastenzeiten mediales Detox. Deshalb fiel es mir leicht, in der Corona-Pandemie stille Abende zu genießen. Harmonische klassische Musik mag ich manchmal. Meistens ist es mir lieber, wenn es ganz still ist. Der Fernseher ist dann selbstverständlich abgeschaltet. Mein Fernsehkonsum ging deutlich zurück. Man wird dadurch viel ruhiger.

 

Lib & In: Sie haben angedeutet, dass sie gern kochen. Haben Sie, wenn die Corona-Pandemie vorbei ist, noch Zeit dazu?

Elke Göß: Sicher. Ich koche seit Jahren jeden Tag für mich, fast ausschließlich mittags. Im Sommermonat August hatte ich in den vergangenen Jahren öfters den ganzen Monat lang ein Kochthema, einmal waren es Salate, einmal war es Steak, einmal war es Pasta, einmal war es Brotbacken. Außer Brot backe ich nur Apfel-Vollkorn-Tarte. Wenn ich ein Thema habe, koche ich mehrere Tage hintereinander das Gleiche und variiere die Kochrezepte, bis es richtig lecker und auf den Punkt ist. Saisonales Obst und Gemüse gehören bei mir seit Jahren zur täglichen Speise. Ich habe mehrere Monate im Jahr Themenwochen. Die Corona-Pandemie hat daran nichts geändert. Vor einigen Jahren war mein italienisch-deutsches Kochbuch, das ich auf einem Stand der „Süddeutschen Zeitung“ in München fand und vor dem Einstampfen gerettet habe, mein bevorzugter Kochratgeber. Inzwischen erfinde ich häufig Kochrezepte selbst und entwickle sie über Wochen weiter. Deshalb ist es nicht selten so, dass es über einen längeren Zeitraum das gleiche Produkt mittags zu essen gibt. Ich finde das prima.

 

Lib & In: Was sind Ihre Spezialitäten?

Elke Göß: Ich koche sehr gerne italienisch bzw. mediterran. Grundsätzlich gibt es nur Vollkornprodukte seit 25 Jahren, viel saisonales Obst und Gemüse, Milchprodukte und aus Umweltschutzgründen höchstens einmal pro Woche Fleisch oder Fisch. Das ist für mich so selbstverständlich, dass ich inzwischen vergesse, es zu erwähnen. Meistens lebe ich vegetarisch.

Vor einigen Jahren habe ich vier Freunde eingeladen und ein sechsgängiges Menu für sie gekocht. Insgesamt waren es 13 Speisen. Von jedem Gang gab es praktisch nur ein Amuse-Gueule. Alle haben die sechs Gänge durchgehalten und waren hinterher richtig happy. Das war ein Highlight.

 

Lib & In: Wie beurteilen andere Ihre Küchen- und Haushaltskünste?

Elke Göß: Ich lebe allein und bin damit mein größter Kritiker. Ich darf sagen, dass ich mit mir sehr zufrieden bin. Was ich koche, schmeckt immer. In fast 40 Jahren musste ich nur ca. zehn Mal das Kochgut wegwerfen, weil es verbrannt war. Es passiert mir wirklich sehr selten, dass eine Mahlzeit nicht gelingt. Mein Kühlschrank ist immer gut sortiert und geordnet.

 

Lib & In: Waren Sie in Corona-Zeiten einsamer als sonst?

Elke Göß: Nein. Der tägliche Ablauf war in der Corona-Pandemie genauso wie vor und nach dieser Zeit.

 

Lib & In: Gab es auch einmal Schwierigkeiten in dieser Zeit? Was war das Schöne?

Elke Göß: Der dritte Lockdown hätte mich fast erwischt. Da war es zeitweise schon sehr trist. Doch das ist ja nun vorbei. Das Reisen fehlt mir etwas. An Weihnachten 2021 war ich erstmals nach 14 Monaten wieder in Rom. Es hat sich nichts verändert. Alle sind noch da. Es ist niemand, den ich kenne, an Corona verstorben. Ich war super happy.

 

Lib & In: Sie haben keine Kinder und Enkel. Wie stehen Sie zu Kindern?

Elke Göß: Ich hätte immer gerne Kinder gehabt, so zwischen drei und fünf Kinder. Es wurde nichts daraus. Kinder waren immer in meinem Leben wichtig. Als Kind hatte ich viele Freundinnen. Ich habe sehr früh Verantwortung für andere Kinder übernommen. Als Vikarin und Pfarrerin habe ich in insgesamt acht Jahren über tausend Kinder in den Klassen 1 bis 10 in der Grundschule, in der Hauptschule und im Gymnasium gehabt und ich habe acht Jahre lang Präparanden- und Konfirmandenunterricht gegeben. Kinder aller Altersstufen mag ich sehr gerne. Beruflich oder privat habe ich derzeit keinen regelmäßigen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen.

 

Lib & In: Was würden Sie Kindern und Jugendlichen mit auf den Weg geben wollen?

Elke Göß: Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder und Jugendliche sicher aufwachsen können, dass sie geschützt sind vor gewaltsamen oder sexuellen Übergriffen in der Familie und außerhalb der Familie. Die Missbräuche in beiden christlichen Kirchen und den Umgang damit finde ich sehr beschämend für beide Kirchen. Ich finde es wichtig, dass Kinder und Jugendliche ihre eigenen Fähigkeiten entfalten können und dass sie Sport und Musik genauso mögen wie Lernen. Ich finde, dass Kinder und Jugendliche viel mit Gleichaltrigen gemeinsam unternehmen sollten und weniger Zeit zuhause vor dem Computer oder der Spielekonsole verbringen sollten. Ein kindgerechter Umgang mit den Medien und mediale Kompetenz ist die Basis für ein erfülltes späteres Leben.

 

Lib & In: Haben Sie etwas von Kindern und Jugendlichen gelernt?

Elke Göß: Von Kindern lerne ich immer wieder, dass Entwicklung Zeit braucht und jede Entwicklung ihre eigene Zeit hat. Von Jugendlichen lerne ich, relaxt zu sein und alles „cool“ zu finden.

 

Lib & In: Sie werden älter. Gibt es Momente, in denen Sie das Alter spüren?

Elke Göß: Ich war in den vergangenen 14 Jahren sehr viel verletzungsbedingt krank. Die Verletzungen wurden mir zugefügt. Das Alter spüre ich nicht.

 

Lib & In: Was schenkt Ihnen die Energie für Ihr gleichförmiges und doch abwechslungsreiches Leben?

Elke Göß: Ich liebe das Leben und kann mich gut auf das Leben mit seinen Höhen und Tiefen einlassen. Halt gibt mir ohne Zweifel mein Glaube, der sich in den vergangenen 18 Jahren mit zunehmend großer ökumenischer Kraft weiterentwickelt hat. In diesem Bereich besteht das größte Entwicklungspotenzial in meinem Leben, denke ich derzeit. Mein Privatleben möchte ich seit einiger Zeit bereichern. Mein absolutes Glück ist, dass Papst em. Benedikt XVI. noch lebt. Ihn liebe und verehre ich sehr. In meinem Leben gibt es noch unentwickeltes Potenzial. Ich freue mich immer auf das Neue in meinem Leben und schätze es, dass sich mein Leben kontinuierlich weiterentwickelt und nur selten im Kreis dreht.

 

Elke Göß

 

14. Februar 2022