Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Ist die Rücknahme der Exkommunikation von Martin Luther ein wünschenswerter Schritt in Richtung Ökumene?

 

Heute genau vor 500 Jahren wurde Martin Luther exkommuniziert. Er hatte die Bannandrohungsbulle von Papst Leo X. verbrannt. Formell sei die Exkommunikation durch den Tod Luthers 1546 aufgehoben worden.

Nicht zur Sprache kommt, dass Martin Luther immer noch als Ketzer in der römisch-katholischen Kirche gilt. Wer eine aus katholischer Sicht offensichtlich zutreffende Beschreibung von „Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive“ lesen möchte, der greife zu dem Buch von Walter Kardinal Kasper aus dem Jahr 2016.(1) Nicht, dass auch nur ein Lutheraner oder eine Lutheranerin im Entferntesten Martin Luther und seine theologischen Anliegen richtig wiedergegeben sieht. Überbordende Polemik wird dem Wittenberger Reformator vorgeworfen von Kardinal Kasper. Damit ist schon alles gesagt. Kardinal Kasper muss sich den inhaltlichen Fragen dann in ihrer wahren Tiefe nicht mehr widmen. Auch hält das Buch nicht den Standard ein, der in den vergangenen Jahrzehnten in der Ökumene erreicht wurde. Er wird noch nicht einmal pro forma genannt. Da Kardinal Kasper von Papst Franziskus immer wieder sehr hervorgehoben wird, ist mit einer wirklichen Bewegung in der Ökumene, so lange Kardinal Kasper lebt, nicht zu rechnen.

Daran ändern auch die Treffen bei Kerzenschein von Papst Franziskus mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm in Rom nichts. Ein solches oberflächliches Kuschelereignis hatte Sant’Egidio am 20. Oktober 2020 in Rom trotz Corona organisiert. Für dieses Jahr ist am 18. April 2021 ein Festgottesdienst von Bischof Bedford-Strohm mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz Georg Bätzing geplant.(2) Dieses Jahr soll Luthers Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir“ gefeiert werden, obwohl Martin Luther diesen Satz so historisch höchstwahrscheinlich nie gesagt hat. Der Augsburger Bischof Bertram Meier hat in einem Interview gemeinsame Gottesdienste in Aussicht gestellt.(3) Während Millionen Gläubige aus der römisch-katholischen Kirche und aus den evangelischen Kirchen austreten, bieten die Verantwortlichen für die verbleibende kleine Schar an Gläubigen gemeinsame Gottesdienste an. Sich gemeinsam klein schrumpfen?(4)

Eigentlich ist die Frage der Exkommunikation von Martin Luther eine völlig Nebensächliche. Wenn man sich nur oberflächlich mit dem historischen Martin Luther beschäftigt, so muss man feststellen, dass er an einigen Punkten eine ganz andere Position vertreten hat wie die Lutheraner (es waren nur Männer) in späteren Zeiten. Oftmals spielt in den heutigen evangelisch-lutherischen Kirchen die Meinung oder die theologische Position von Martin Luther nur eine Nebenrolle, wenn überhaupt. In meinem Studium der evangelischen Theologie kam Martin Luther nicht ein einziges Mal vor. Dies bedeutet, dass keine einzige Lehrveranstaltung (Vorlesung, Proseminar, Hauptseminar, Kolloquium) zu Martin Luther angeboten wurde. Man hatte ihn für das Erste Theologische Examen im Selbststudium zu memorieren.

Die Luther-Glorifizierung, wie sie aufgrund des 500-jährigen Jubiläums 2017 erfolgte, erscheint teilweise kindisch und naiv. Martin Luther war eine herausragende historische Persönlichkeit, die neben anderen Persönlichkeiten eine Zeitenwende markiert hat vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit. Die Essenz seiner Gedanken prägt bis heute Kulturen. Man muss aber im Jahr 2021 nicht erneut in Konflikte einsteigen, die niemand mehr etwas sagen. Die heutigen protestantischen Kirchen müssen sich fragen, was sie zur Ökumene beizutragen haben und die römisch-katholische Kirche muss sich auf ihren Wahrheits- und Universalitätsanspruch besinnen. Dabei kann der historische Martin Luther rational gesehen wenig beitragen, denn es sind seitdem 500 Jahre vergangen.  

 

Elke Göß

 

(1) Vgl. Kasper Walter (2016): Martin Luther. Eine ökumenische Perspektive, Mannheim

(2) Vgl. Laudage Christiane (2021): Papst Leo X. bannte vor 500 Jahren den Reformator Martin Luther. Gebannt für immer und ewig? Papst Leo X. bannte vor 500 Jahren den Reformator Martin Luther | DOMRADIO.DE - Katholische Nachrichten,03.01.2020

(3) Vgl. gho/epd (2021): Es brauche in der Ökumene mehr als „Symbolhandlungen“. Bischof Meier gegen formale Rücknahme der Exkommunikation Luthers, Bischof Meier gegen formale Rücknahme der Exkommunikation Luthers - katholisch.de,03.01.2021

(4) Vgl. Göß Elke (2020): In Deutschland schrumpfen sich die römisch-katholische Kirche und die evangelisch-lutherische Kirche zu Tode, erschienen bei Lib& In am 29. Februar 2020

 

3. Januar 2021